
Seit Jahrzehnten propagiert der japanische Professor und Elektroauto-Pionier Hiroshi Shimizu den unaufhaltsamen Siegeszug der elektronisch angetriebenen Autos. An der Keio-Universität bastelt er seit Jahrzehnten an Prototypen, die es immer wahrscheinlicher aussehen lassen, dass die Verbrennungsmotoren von heute bald nicht mehr zeitgemäß sein werden. Doch die Autoindustrie zögert noch. Zu groß ist die Sorge, mit dem Umstieg auf Elektromotoren die eigene Branche in den Ruin zu treiben, da sich die technisch weitaus weniger aufwendigen Autos auch von Neulingen auf dem Sektor Automobil problemlos in größerer Stückzahl produzieren lassen.
Entwicklungssprung
Doch Shimizu ist von den Marktchancen seiner Entwicklungen überzeugt. Er glaubt an sprunghafte Entwicklungen in allen technologischen Sektoren und warnt die etablierten Konzerne in der Autoindustrie, bloß nicht den Anschluss zu verpassen. Es sind schon Branchenriesen in anderen Sparten daran gescheitert, dass sie zu lange an Produktionsmethoden und überalterten Technologiekonzepten festgehalten haben. Als Beispiele nennt er in diesem Zusammenhang die Unternehmen Nokia und Sony, die von führenden Herstellern von Mobilfunkprodukten nach dem verschlafenen Vormarsch der Smartphones nun in einer Nebenrolle auf dem Markt dahin vegetieren und derzeit verzweifelt versuchen, den Anschluss an den neuesten Stand der Technik wiederherzustellen. Er prognostiziert einen ähnlichen Entwicklungssprung auf dem Automarkt, wie bei der Einführung der DVD oder Flachbildschirm-Technologie. Zuerst nehmen die Kunden das neue Produkt und seine Vorteile war, danach folgt die Phase der Abwägung der Kaufentscheidung, bis sich später alle nach und nach für die technologische Neuorientierung entscheiden und sich der Markt drastisch verändert. Aufgrund des längeren Produktzyklus auf dem Automobilmarkt dauert eine derartige Umstellung hier nur etwas länger.
Der Clou liegt im Radnabenantrieb, nach dem Shimizu auch seine Firma benannt hat. Durch die Positionierung des Antriebs an jede einzelne Radnabe spart man ein erhebliches Maß an Reibungsverlusten ein …
Prototypen auf Open-Source-Basis
Die großen Autokonzerne trauen ihren Elektromodellen noch nicht den großen Durchbruch zu und senken selbst die Erwartungen an die Verkaufszahlen von Modellen wie dem neuen Toyota eQ. Auch der Pionierkonzern Nissan setzt noch keine großen Erwartungen an die baldige Rentabilität seiner Elektroauto-Entwicklung. Daher hat Shimizu mit der Gründung einer eigenen Entwicklerfirma reagiert. Gemeinsam mit 30 weltweiten Unternehmen, darunter dem globalen Autozulieferer Denso, bastelt er an einem Prototypen auf Basis eines Open-Source Konzepts. Die Partner seines 2009 gegründeten Unternehmens SIM-Drive (Shimizu In-wheel-Motor-Drive) beteiligen sich mit mindesten 20 Millionen Yen an der Entwicklung, zudem stellen sie Personal und Technik zur Verfügung.
Radnabenantrieb
Im Bau von Prototypen ist Shimizu erfahren, bereits mehrere stellte er im Laufe der Jahre vor, darunter den vierachsigen und 370 km/h schnellen Eliica und 2010 die Limousine SIM-Lei, die zwar äußerlich nicht viel hermacht, aber mit ihren Fahrleistungen so einige etablierte Modelle alt aussehen lässt: In 4,8 Sekunden von Null auf Hundert. Der Tesla Roadster, ein ebenfalls elektrisch betriebener Sportwagen, sprintet zwar schneller (3,7 Sekunden), bietet allerdings nur Platz für zwei Personen. Der Clou liegt im Radnabenantrieb, nach dem Shimizu auch seine Firma benannt hat. Durch die Positionierung des Antriebs an jede einzelne Radnabe spart man ein erhebliches Maß an Reibungsverlusten ein und gewinnt zudem ein beträchtliches Maß an Innenraum hinzu, da fast der gesamte Motorraum für eine alternative Nutzung zur Verfügung steht. Auch die Reichweite der Fahrzeuge wird deutlich erhöht, ein weiteres Manko der Elektroautos der vergangenen Tage. Autos, die auf der Stelle drehen und seitwärts einparken können, wären durch diese Technik problemlos zu realisieren.
Die Autoindustrie warnt zwar vor Problemen mit der Federungstechnik, durch die deutlich schwereren Radanbauten, doch diese Einwände lässt Shimizu nicht gelten und verweist auf den hervorragenden Zustand der heutigen Straßen. Er denkt eher, dass die Hersteller Angst haben, sich selbst aus dem Markt zu drängen, da sie zu sehr an linearen Planungen festhalten. An die Leistung als obersten Kaufanreiz glaubt er dennoch, und in diesen Dingen kann den Elektrofahrzeugen kein Verbrennungsmotor das Wasser reichen. Fraglich ist für ihn lediglich, ob die Entwicklung zuerst bei den großen Limousinen anfängt oder bei den kleinen Elektroflitzern.
Es bleibt abzuwarten.